Wo Arbeit und Wohnen gemeinsam Platz nehmen

Interview mit Wolfgang C. R. Mezger über das Zusammenwachsen der Welten

Stühle sagen viel über unsere Anatomie, unsere Arbeit und unsere Lebensweise aus. Designer Wolfgang C. R. Mezger entwirft schon seit rund 33 Jahren Stühle für alle Lebenslagen, am Erfolgreichsten für die Arbeitswelt. Walter Knoll, Brunner, Schönbuch zeigen seit Jahren seine Möbel auf imm cologne und orgatec. Doch seiner Meinung nach werden die Unterschiede zwischen den Einsatzbereichen der Sitzmöbel künftig immer kleiner werden – zum Glück, wie er findet.


Sie gelten als echte Kapazität auf dem Gebiet des Office Designs, arbeiten mit Ihrem Team auch in anderen Wohnbereichen. In welcher Welt bewegen Sie sich lieber?
Am liebsten würde ich für beide Welten gleichberechtigt arbeiten – wenn die Möbel fürs Wohnen teilweise nicht so sehr der Mode unterworfen wären. Und wenn es eine größere Bereitschaft geben würde, diese Welten nicht militant zu trennen. Ein gut gestalteter Stuhl mit visueller Langlebigkeit kann sowohl im Objekt- als auch im Wohnbereich eingesetzt werden. Wenn Sie etwa den „Siebener“ von Fritz Hansen, die Eames Stühle für Hermann Miller bzw. Vitra oder die Freischwinger von Marcel Breuer und Mart Stam für Thonet nehmen – um nur einige aus einer Vielzahl zu nennen. Für mich ist der Idealzustand, wenn Produkte als geniales Produkt wahrgenommen werden und sowohl hier wie dort eingesetzt werden können.

Welche Unterschiede muss man als Designer beachten, wenn man einen Stuhl für das Heim oder das Büro gestaltet?
Eigentlich sollte es nach meinen Wünschen keine Unterschiede geben. Dennoch sind Stühle für den Objektbereich oder das Büro härteren Bedingungen ausgesetzt und müssen teilweise auch anderen gesetzlichen Bestimmungen wie Sicherheitsvorschriften und Normen entsprechen.

Und das hat nicht nur funktionale Auswirkungen, richtig?
Man muss nicht gerade vandalensicher entwerfen. Aber Reinigungspersonal und ständig wechselnde Benutzer etc. strapazieren die Stabilität, die Materialien und die Bezüge wesentlich mehr als es im Wohnbereich der Fall ist. Im Wohnbereich hegt und pflegt in der Regel der Besitzer, gleichzeitig Benutzer, sein Stück. Daher kann man es sich leisten, hier auch sensibleres Material einzusetzen.

Ist der Trend zu mehr Wohnlichkeit im Office ein langfristiger Trend oder bleibt es doch nur ein kurzer Ausflug in die Parallelwelt?
Die Welten wachsen zusammen. Jede lernt von jeder. Gottseidank wird jetzt mehr das Produkt an sich betrachtet. Der Gedanke, dass ein Produkt im Wohnbereich „wohnlich“ wirken muss und das Produkt im Office- bzw. Objektbereich dementsprechend sachlich und funktionsbetont sein soll, verliert immer mehr an Bedeutung. Das Produkt soll für sich überzeugen und in seine Umgebung passen. Auch wird der Nutzer freier in seiner Entscheidung und kann selbst festlegen, für welchen Zweck er das Möbel einsetzen möchte. Ich bin der festen Überzeugung und es ist auch mein Wunsch, dass diese Entwicklung eine nachhaltige ist.

Welche Trends sehen Sie für Ihr Design als relevant an?
Im Objektbereich sind es sicher die sich verflachenden Hierarchien, wodurch wesentlich subtilere und mit mehr Feinheiten versehene Unterschiede gemacht werden. Und wie schon angesprochen ist es das teilweise Zusammenwachsen zwischen Wohn- und Objektwelt. Im Wohnbereich wird sich die Tendenz, einen Kontrapunkt gegenüber der technisierten Welt zu setzen, weiter fortsetzen. Zum Beispiel durch den Einsatz von „natürlichen“ Materialien und das Hervorheben von Wellness im Wohnbereich. Weiterhin wird in beiden Welten die Individualisierung eine immer größere Rolle spielen. Damit werden wir mit unserem Gestaltungsansatz von universal einsetzbaren Konzepten bestimmt die Möglichkeit haben, interessante, innovative und langlebige Produkte zu entwickeln.

Warum sind Stühle für Designer eigentlich so wichtige Produkte?
Der Stuhl ist im Gegensatz zu anderen Produkten Form und Funktion zugleich. Nicht wie ein Gerät, das eine innere Funktion mit einer äußeren Funktion bzw. Hülle verbindet. Die Form und die Materialien bestimmen die Ergonomie, den Komfort und die Bequemlichkeit. Die Form macht die Skulptur, Ästhetik und die Sinnlichkeit, die Anmutung und Poesie. Der Stuhl soll Vertrauen erwecken, man erlaubt ihm uns zu berühren. Wir vertrauen ihm unseren Körper an. Das Verhältnis zum Stuhl ist meist hoch emotional. Und ja, er ist eindeutig die Königsdisziplin aller zu gestaltenden Produkte.