Interview: Dick Spierenburg

„Der Trend beim Licht geht in beide Richtungen: digital und analog.“

Licht ist ein absolutes In-Thema bei Möbel-Labels genauso wie bei Architekten oder Technik-Fans. Der niederländische Designer Dick Spierenburg, Creative Director einer der größten Einrichtungsmessen weltweit, sagt warum, und macht Appetit auf ein ansprechend serviertes „Zweierlei vom Licht“ auf der nächsten imm cologne: mal dekorativ solo, mal digital vernetzt.

Warum ist Licht derzeit ein so spannendes Thema für das Interior Design?
Verkürzt gesagt: Weil in der Einrichtungswelt gerade vieles zusammenwächst. Die Sortimente sind nicht mehr so stark voneinander getrennt, und Licht wird immer häufiger als integraler Teil von Möbeln oder als kongeniale Ergänzung dazu verstanden, wenn etwa angesagte Möbelmarken auch Leuchten herausgeben. Besonders klar sieht man die Vernetzung zwischen Einrichtung, Möbel und Licht zum Beispiel bei vielen traditionellen skandinavischen Möbelmarken, die nach Köln kommen, wie etwa Gubi oder Artek, und auch bei relativ jungen Marken wie &Tradition oder Muuto. Was der ganzen Entwicklung jetzt aber noch zusätzlichen Schwung verleiht, ist die zunehmende Verknüpfung mit digitaler Technologie.

Haben die Verbraucher wegen des komplizierten Themas nicht noch häufig Berührungsängste?
Das ist natürlich ein längerer Prozess. Das Thema wird aber von Architekten und Interior Designern zunehmend an den Bauherrn oder den Renovierer herangetragen. Sie fungieren als Vermittler. Wir brauchen mehr Plattformen und Kommunikationsanlässe, um das Thema Licht im Einrichtungsbereich ganzheitlicher darzustellen – sowohl die Möglichkeiten konsistenter Gestaltungskonzepte mit originellen Leuchten als auch die Möglichkeiten mit Architektur und Wohnungsausstattung verknüpfter Lichtlösungen. Bei der imm cologne sprechen wir von Dekorativem und von Technischem Licht.

Als Creative Director der imm cologne sind Sie verantwortlich für die Konzeption und Gestaltung verschiedener Formate des Designbereichs der Einrichtungsmesse, der so genannten Pure-Hallen. Wie reagiert die Kölner Messe denn auf diese Entwicklungen?
Grundsätzlich wollen wir bei der imm cologne alle Segmente, die zum Einrichten dazu gehören, widerspiegeln – und vor allem wollen wir ihre Zusammenhänge aufzeigen. Neben dem Thema Textil ist nach unserer Meinung Licht eines der wichtigsten Themen beim Einrichten. Es ist sehr facettenreich und wurde auf der imm cologne auch schon früher berücksichtigt. Aber für uns als Messegesellschaft ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, das Thema Licht vollwertig in die imm cologne zu integrieren.

Wird es also eine Halle nur mit Licht geben?
Nein, uns interessiert das Licht im Kontext. Während auf anderen Messen das Thema vor allem unter fachlichen oder modischen Gesichtspunkten präsentiert wird, sehen wir es im Zusammenhang mit Möbeln und Räumen und sprechen damit die Zielgruppen der Innenarchitekten und der Endverbraucher an.

Und wie soll das konkret aussehen?
Im Pure Bereich haben wir für die Halle 4.2 ein neues Konzept entwickelt. Hier werden künftig alle Themen gespielt, die für das Interior Design wichtig sind, aber nicht als Einheit mit dem Mobiliar zu verstehen sind: Bad, Boden, Wand und vor allem Licht. Eben alle Aspekte von Raumarchitektur, aber im Kontext von Möbeln und von Einrichtungstrends, kompakt präsentiert in einer Mischung aus frei gestalteten Ständen und Themenbereichen. Das Dekorative Licht wird nach wie vor in den übrigen Pure-Bereichen zu finden sein, wo das Augenmerk auf Leuchten und Leuchten-Design liegt – also auf der Lampe als Einrichtungsgegenstand. Aber auch hier werden wir im nächsten Jahr einen besonderen Fokus auf das Thema Licht werfen und viele interessante Marken mit Leuchten-Sortimenten in den Hallen 2.2, 3.1 und 3.2 platzieren. In Pure Editions geben wir „Das Haus“ 2018 in die Hände einer Licht-Designerin: Lucie Koldova wird einen sehr spannenden Entwurf ganzheitlichen Wohnens vorstellen, der speziell die Rolle des Lichts zum Thema macht.

Außerdem werden wir der Ausstellung Featured Editions einen neuen kreativen Impuls geben. Nur so viel: Es werden zehn Lichtinszenierungen in einem transparenten pyramidenförmigen Rahmen zu sehen sein. Und da diese Installationen einen sehr experimentellen Charakter haben werden, haben wir sie „Light Labs“ genannt. Wir wollen Licht zum Erlebnis machen.

Sie sprachen von Architekten und Interior Designern als Vermittler des Themas Licht. Wie wollen Sie sie denn dafür gewinnen?
Wir sprechen sie gezielt an und bieten Ihnen Inspiration und Information zu den Möglichkeiten ganzheitlicher Gestaltung. Außerdem finden sie auf der imm cologne beide Facetten des Lichts: Einerseits bei Pure und Pure Editions das viel Atmosphäre schaffende Dekorative Licht im Kontext vielfältiger Einrichtungsbeispiele, andererseits bei Pure Architects das Technische Licht mit dem Fokus auf Systemlösungen, auf baulich integrierte Lichtsysteme sowie auf der Vernetzung, Digitalisierung und Steuerung des Lichts, etwa über das Smart Phone. Und damit sind wir auch schon tief im Bereich Smart Home.

Sie beziehen den Endverbraucher ganz bewusst mit ein?
Ja, das hat sich bewährt und wird sogar noch ausgebaut. Ich glaube, dass es ein guter Zeitpunkt dafür ist, weil die Menschen, die sich derzeit mit dem Thema Einrichten beschäftigen, dringend einen Überblick suchen. Und den finden sie nirgendwo so gut wie auf der imm cologne. Man muss den Leuten die Verbindungen zwischen Licht und Möbel, zwischen Licht und Textil aufzeigen. Und das schaffen wir am besten.

Spielt die neue Ausrichtung auf das Technische Licht dem „Haus“ und dem Dekorativen Licht, wie Sie es nennen, nicht entgegen?
Nein. Der Trend geht schließlich in beide Richtungen: digital und analog. Technisch orientierte Menschen, die den Komfort und die Verknüpfung mit Medien und Haustechnik begrüßen, werden sich schnell für die Ideen, die wir im Smart Home zeigen, begeistern können. Aber es gibt eben auch viele Menschen – übrigens auch viele junge Leute –, die einer zunehmenden Technisierung ihres Lebens kritisch gegenüberstehen und ihre Wohnung bewusst so frei wie möglich von digitalen Medien und Devices halten wollen. Abgesehen natürlich – und hier scheinen sich eigentlich alle einig zu sein – von ihren Smart Phones und digitalen Arbeitsgeräten. Sie fühlen sich eher zu den Wohnvisionen hingezogen, die unsere Guests of Honor der letzten Jahre in „Das Haus“ realisiert haben. Das war ja bisher immer ein analoges Haus. Und auch „Das Haus“ 2018 von Lucie Koldova wird da keine Ausnahme sein. Aber Licht, das wird es hier in unglaublicher Varianz und Tiefe geben.


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